Gedankenjungle

„Geh wählen! Egal was! Nur nicht rechts.“ – #WirSchreibenDemokratie

Das waren die Worte, die ich am Freitag von meiner Mutter zu hören bekommen habe. Eine Mutter, die sich nie in Entscheidungen dieser Art einmischte. Immer nach dem Mantra „Mach, was du für richtig hälst.“ – Ich selbst weiß bis heute nicht, was meine Eltern wählen, obwohl wir uns viel darüber unterhalten haben. Ich will es aber auch gar nicht wissen.

Kurz vor 3 habe ich mich also am Sonntag auf den Weg in mein Wahllokal gemacht. Noch auf dem Weg habe ich überlegt, was ich eigentlich wählen soll. Überzeugt hat mich keine Partei so wirklich. Aber gar nicht wählen gehen? Das kam für mich in diesem Jahr auch nicht in Frage! Auf dem Weg dorthin wurde ich überflutet mit Wahlplakaten der AfD. Frisch aufgehängt, denn sie waren noch nicht verunstaltet worden und ich war mir auch sehr sicher – als ich am Samstag hier lang gelaufen bin hingen sie noch nicht.

„Lass uns auswandern!“

Das schrieb ich meiner besten Freundin, nach den ersten Hochrechnugen. 13% für die AfD. Das sie nicht fragte „Warum?“ sondern nur „Wohin?“ zeigte mir sehr deutlich: Sie kennt mich gut und saß wohl genauso vor dem Computer und den Ergebnissen. Ich meines Zeichens Fassungslos. Sauer. Wütend. Ich habe fast 3 Tage gebraucht um das wenigstens halbwegs zu verdauen. Ein Ergebnis, mit dem man (ich) leider gerechnet, aber gehofft hat, dass es doch nicht so wird. Wenn es so weiter geht… dann regiert in 4 Jahren die AfD. Und ich? Die AfD ist das, womit ich mich am wenigsten identifizieren kann. Wahlsprüche wie „Burkas? Wir stehen auf Bikinis!“, sowie die Ablehnung der Ehe für alle. Besonders letzteres stößt mir sehr auf. Am 30. Juni saß ich glücklich in der Arbeit vor den Nachrichten. Das Grinsen bekam ich den ganzen Tag nicht aus dem Gesicht. Endlich konnte ich wirklich heiraten, wenn ich wollte und wenn ich es nicht tun würde dann nur, weil ich es nicht WILL. Nicht, weil ich es nicht KANN. Meine Ex-Freundin und ich haben an diesem Tag herzlich gelacht. Hatten wir uns doch aufgrund der Distanz und damit aufkeimenden Problemen etwa zwei Wochen vorher getrennt. Einvernehmlich, obwohl wir uns lieben. (Aber das ist ein anderes Thema). Und jetzt sitzt eine Partei, die mir das nehmen will, im Bundestag als drittstärkste Macht!

Der aus Frust, Enttäuschung und Wut geborene Spruch könnte also zur ernsthaften Überlegung werden. Vielleicht Irland oder Schottland?

„Ich weiß, dass meine Stimme keinen Unterschied macht!“

Doch! Jede Stimme zählt und am Ende kann es auch eine einziege (vielleicht deine?) Stimmme sein, die alles kippt. Leider denken aber viele so. Und das ist der falsche Weg. Wir leben in einer Demokratie, für die unsere Vorfahren hart gekämpft haben. Ehrt sie. Das musste ich auch erst lernen. Du hast eine Stimme. Nutz sie und lass sie nicht verkommen. Nutz sie gegen ein zweites Nazideutschland.

„12,6% Hirnamputierte Vollidioten!“

Ich weiß, das klingt hart, aber in meinen Augen ist es so. Klar leben wir in einer Demokratie und wenn diese Leute denken, dass dies der richtige Weg ist, dann kann man da nicht viel machen. Aber es gibt auch Meinungsfreiheit und das ist meine Meinung. Besonders wenn 60% von diesen Wählern aus „Protest“ die AfD gewählt haben. Logisch oder? Ich finde die Politik kacke, bin von der Regierung enttäuscht also wähle ich eine rechtspopulistische Partei. Warum nicht gleich die NPD? Na dann wäre ich ein Nazi! Nein, nicht wirklich logisch. Nicht für mich.

Vielleicht ist es auch ein Problem, dass viele gar nicht wissen, wie gut wir es eigentlich haben. Für uns sind Dinge selbstverständlich, bei denen sich unsere Urgroßeltern oder sogar Großeltern im Grabe umdrehen würden. Als lesbische Frau möchte ich zum Beispiel ungerne in eine Zeit zurück, wo ich illegal war. Wo ich verfolgt worden wäre. Wo ich mich wohl kaum mit 14/15 geoutet hätte und auch heute sehr offen damit umgehe. Ich will nicht zurück zu einer „Liebe zweiter Klasse“. Und wenn noch einmal jemand fragt „Ist so ein CSD denn noch notwendig?“, möchte ich ihm gerne die Wahlergebnisse um die Ohren hauen.

„Ich bin nicht politisch!“

Ich auch nicht. Das gebe ich offen zu. Aber auf den Magen geschlagen ist mir diese Aussage als rechtfertigung schon. Diese und noch andere, die ich mir von verschiedenen Leuten am Montag anhören musste:

„Ich war nicht wählen, weil ich keine Wahlkarte bekommen habe! Noch nie!“ – Wenn man mit 25 noch nie eine Wahlbenachrichtigung bekommen hat, dann sollte man dringend mal da anrufen. Es ist ein Recht, was dir keiner nehmen kann. Nur weil man diese Unterlagen nicht bekommen hat nicht hin zu gehen, für mich unbegreiflich. Perso einstecken und hin. Den Rest erledigen die Wahlhelfer.

„Ab morgen reden wir dann aber bitte nicht mehr über die Wahl! Es nervt!“ – Natürlich war die Wahl am Montag ein großes Thema. Überall schlecht gelaunte Gesichter, seltsam ruhig. Ich selber habe kaum ein Lächeln raus bekommen, weil das Ergebnis tief saß und immer noch sitzt. Aber den Mund lasse ich mir nicht verbieten und ich finde es auch unverschämt. Wenn man darüber reden möchte, dann sollte man das auch tun dürfen, solange man jemanden hat, dem es genauso geht. Dann ist es meine Sache, wenn die Zigarettenpause länger wird, weil man sich darüber ausgetauscht und ausgelassen hat. Es tut aber auch gut und an diesem Montag wurde es auch von allen tolleriert. Und wenn man da keine Lust drauf hat, dann muss man halt weg hören. Dafür gibt es Meinungsfreiheit. Das ist das schöne an Deutschland. Ich kann sagen, was ich möchte, ohne dass mir aufgrund meiner Meinung irgendjemand etwas kann.

„Die Oma von meinem Freund hat auch die AfD gewählt. Die ist aber auch schon über 90!“ – Für mich noch immer kein Grund. Im Gegenteil. Dann müsste sie ja genau wissen, wie es damals war. Man sollte dann auch nachdenken, was die jüngere Generation vielleicht denkt. Was für die gut ist. Vielleicht – und wirklich vielleicht – ist seine Großmutter aber auch ein Anhänger dieser Zeit. Das weiß ich nicht und ich werde auch nicht fragen. Dann kann ich jedoch nur sagen: Nazi bleibt halt immer Nazi. Meine Großeltern sind auch über 80 und die 3 noch Lebenden sagen alle: „Nie wieder!!!“

„Ich hab noch Kuchen dabei!“

Ein Lichtblick an diesem Montag, als unsere SHK Kuchen vom Wochenende und Smartys mitbrachte. Wir haben zugeschlagen. Um 19 Uhr war fast alles weg gefuttert. Die Gemüter etwas besänftigt und das schlechte Gewissen aufgrund der viel zu hohen Kalorienzufuhr erst mal in den Hintergrund gedrängt.

Gleichheit, Toleranz, Respekt, Diversity und Co.

Ich habe früh gemerkt: Ich komme in meinen Texten um bestimmte Themen nicht drum herum. Egal, ob sie unbewusst nebenher fließen oder ich sie bewusst einbringe. Besonders prägt sich das auf den Bereich LGBT+ aus. Meist stelle ich es als etwas ganz normales dar. Vielleicht, weil ich es als normal empfinde? Wahrscheinlich. Aber auch Migranten, Anders sein, Chancengleichheit. Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen. All das findet man in meinen Texten. Die Wahl lässt mich in dieser Richtung allerdings etwas umdenken. Vielleicht sollte ich anfangen das ganze mehr in den Vordergrund zu stellen. Es an manchen Stellen weniger als selbstverständlich darstellen, da es in der Welt halt oft nicht selbstverständlich ist.

Texte, Bücher, all das kann viel bewirken, Menschen zum nachdenken anregen und das ist es ja (unter anderem), was ich möchte.

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Das alles ist meine ganz persönliche Meinung. Niemand soll sich davon beeinflusst fühlen. Ich kann nur sagen, dass ich bei solchen Wahlergebnissen Angst bekomme. Angst um Deutschland, Angst um mich, Angst vor den nächsten Wahlen. Denn 2013 hatte die AfD noch 4,7% und ist damit knapp an der 5%-Klausel gescheitert. 4 Jahre später sind es schon fast 13%. Fast 3 mal so viele Stimmen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Wie ist eure Meinung? Schreibts gern in die Kommentare oder hängt euch doch auch an diese tolle Aktion von Nornennetzwerk mit dem #WirSchreibenDemokratie ran. Ich finde es eine tolle Aktion.

Mehr tolle Beiträge zu dem Thema gibt es u.a. hier:

Buchempfehlungen angesichts der Bundestagswahl 2017

#WirSchreibenDemokratie – Weil wir uns erinnern wollen

Als ich keine Angst vor rassistischen Szenen hatte

#WirSchreibenDemokratie – ein Ausweg aus der kollektiven Fassungslosigkeit

#WirSchreibenDemokratieDie Partei der Enttäuschten

 

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Ein Kommentar zu „„Geh wählen! Egal was! Nur nicht rechts.“ – #WirSchreibenDemokratie

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